Montag, 8. Dezember 2014

Orthorexie vs. Missbrauch



Mehr als ein Mal in den letzten 5,5 Jahren, in denen ich dieses Blog führe, wurde mir in den Kommentaren unterstellt unter der „Krankheit“ Orthorexie zu leiden. Kein einziges Mal habe ich im Blog dazu Stellung genommen oder mich erklärt aus mehreren Gründen.

1. treffen die Symptome der Orthorexie nicht auf mich zu, was eigentlich jeder weiß, der die Symptome kennt, oder genug vom meinem Blog gelesen hat
2. Ich wollte keine Aufmerksamkeit auf dieses „Syndrom“ lenken, weil ich es für Blödsinn halte. Es ist als Krankheit nicht anerkannt.
und 3. Weil ich nicht wollte, dass eine Rechtfertigung oder ein Abstiten für den ein oder anderen vielleicht doch so aussieht, als würde ich mich rausreden, ähnlich wie ein Alkoholiker seine Sucht abstreitet.

Für die, die nicht wissen was „Orthorexie“ ist: Ein „Krankheitsbild“ erfunden, von dem amerikanischen Arzt Steven Bratman, der an sich selbst erkannt hat, dass er an dem Wahn leidet sich möglichst gesund zu ernähren und das dann in Anlehung an die Anorexie, die Magersucht, Orthorexie nannte.

Wenn man im Internet stöbert findet man auf so manchen alternativen Gesundheitsseiten Informationen dazu. „Orthoretiker“ meiden ungesunde Nahrung, alles was krank machen könnte, zumeist so sehr, dass sie irgendwann nur noch vegan essen. Und sie beschäftigen sich den ganzen Tag mit Nährwerten, ihre Gedanken kreisen ausschließlich ums Essen, sie sind regelrecht zwanghaft damit beschäftigt sich ausschließlich auf gesundes Essen zu konzentrieren. Und während ich durchaus zumeist so gesund esse, dass ich mich fast vegan ernähre, ist es nicht so, dass sich meine Gedanken den ganzen Tag um Essen drehen. Geht auch gar nicht, ich hab nen Job, ein Studium und einen Beruf. Die eine Stunde in der ich blogge, drehen sich meine Gedanken um Essen. Und im Laufe des Tages, immer mal wieder zwischendurch, fällt mir irgendwas interessantes zum Thema Essen ein, was ich mir dann merke und am nächsten Tag im Blog verarbeite. Es gab sicherlich Zeiten in denen ich mich weitaus intensiver mit Nährwerten etc. beschäftigt habe, aber das ist jetzt nicht mehr erforderlich. Jetzt weiß ich das alles.

Das ist aber noch lange nicht der Grund, warum ich die Diagnose „Orthoretiker“ auf mich selbst leider nicht anwenden kann, obwohl ich, weiß Gott, niemand bin, der an sich selbst nicht gerne nach Fehlern sucht.

Orthortiker treibt der Zwang sich gesund zu ernähren dahin, dass sie soziale Kontakte abbrechen, nicht mehr mit Kollegen oder Freunden essen gehen, dass sie keine Parties mehr besuchen, Essenseinladungen aussschlagen und daher sozial verarmen oder überall ihr eigenes Essen mit hin bringen. Unterdessen missionieren sie auch alle anderen, was sie natürlich unbeliebt macht. Augrund ihrer einseitigen Ernährung kommt es dann zu Mangelerscheinungen und Untergewicht.
Und das alles trifft schlicht und ergreifend nicht auf mich zu und so könnte man mich, wenn überhaupt, Semi-Orthoretiker nennen. Hingegen ist das, was Krankheitsbilder schlimm macht, die existenzielle Bedrohung. Jeder der sich selbst und andere nicht gefährdet darf in unserer Gesellschaft so psychisch krank sein wie er will. Meine MedPsych Dozentin, selber Verhaltenspsychologin sagt, dass "Orthorexie" als Krankheit nicht anerkannt sei, weil die Betroffenen keinen Leidensdruck haben  sondern, eher im Gegenteil, sich sehr wohl fühlen mit dem was sie machen. Warum sollte man etwas zu einer Krankheit erklären woran der Betroffene nicht leidet und womit er seine Umgebung auch nicht gefärdet?

Ich weiß nicht was für Leute das sind, die diese Diagnose bei mir treffen, vor allem ohne alle Symptome zu kennen oder zu meinen mir diagnostisch voraus zu sein. Meines Erachtens sind das womöglich Leute, die sich selber tatsächlich zwanghaft „gesund“ ernährt haben und soziale Kontakte und Gewicht verloren haben. Oder es sind Leute, die „Orthorexie“ irgendwo aufgeschnappt haben und sich aus ihrer „Esssucht“ nun raus reden, indem sie Menschen, die es schaffen sich gesund zu ernähren, dies als Krankheit unterstellen. - Ich hab natürlich auch schon Vorwürfe bekommen von Menschen die sich wirklich zwanghaft in ihren Augen perfekt ernähren, von omnivoren instinktiven Rohköstlern zum Beispiel, dass ich so Sachen mache wie Mal Alkohol trinken, Pralinen essen, Latte Macchiato trinken etc. - Vielleicht bin ich aber auch ein SuperOrthortiker, dem Gesundheit soooooo wichtig ist, dass er sogar darauf aufpasst die „Krankheit“ Orthorexie nicht zu kriegen und dafür extra Ausnahmen macht und seine Freunde behält!

Was ich persönlich glaube ist, dass ich einfach viel zu lustvoll auf ungesundes Essen reagiere und daher kein Orthoretiker sein kann oder will. Ich missbrauche ungesundes Essen auch zu sehr in Stresssituationen und kann daher kein Orthoretiker sein. Ich kriege einen größeren Kick durch Zucker, Weißmehl und Schokolade als durch Orthorexie.

Was auch dafür spricht, dass Orthorexie schon mal überhaupt keine Essstörung, sondern, wenn dann, nur eine Zwangsstörung ist, ist, dass es die Gehirnbiochemie nicht mal ansatzweise so beeinflusst wie Magersucht, Binge Eating, Bulimie oder auch Adipositas. Man kriegt kein BetaEndorphin-High davon, man schüttet kein Dopamin aus. Davon fällt auch nicht der Serotoninspiegel ab sondern, im Gegenteil, er wird davon stabilisiert.

Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die eine Zwangsstörung haben gesund zu essen, aber auf mich trifft das einfach nicht zu. Ein bisschen was, ja, trifft auf mich zu, ich erkenne auch Aspekte von Bulimikern in mir, ich erkenne auch Aspekte eines Alkoholikers in mir, auch Aspekte eines Adipösen aber diese Aspekte sind in normalem Maße vorhanden ohne, dass ich mich körperlich oder psychisch schädige. Und da die WHO Definition von Gesundheit besagt, dass Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheit ist, sondern ein Zustand körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, und ich all das habe, kann ich nicht krank sein. Auch nicht Orthorexie haben.

Das wichtigste Anzeichen aber dafür, dass Orthorexie keine Krankheit ist und vielleicht sogar nicht mal existiert ist, dass Steven Bratmans Seite www.orthorexia.com nicht mehr existiert. Sie erscheint noch in der Suchmaschine, wenn man Orthorexie eingibt, aber hat keinen Inhalt mehr. Ich finde, Dr. Bratman hatte da mal ne ziemliche Schnappsidee, als er mit Orthorexie ankam!

Menü des Tages am 7. Dezember

Haferflocken mit Banane, Reismilch, Lucuma, Sunwarrior, Chia, Hanfsamen, Kakaonibs


2 Tee
1 Banane

375 g Brokkoli mit Salz und Pfeffer


Rest Mexikanische Kichererbsenpfanne mit Gourmetreismischung, Tomaten und vegane Weißwurst


1 Banane
1 Kaki
1 Banane

3 Amaranth-Maiswaffeln
60 g Maronen

St. Gestürzter Ananaskuchen


1 vegane Weißwurst

Rosenkohl
1,5 Kartoffeln
375 g Brokkoli

Ich war 40 Minuten Joggen und hab nen Kuchen gebacken, fettarmen Kuchen, weil Sonntag war und weil ich gucken wollte, wie ich darauf reagiere. Ich reagiere extrem darauf. Er hatte einen Druchmesser von 20 cm, war also relativ klein und eigentlich wollte ich nur 1/8 Stück essen. Es wurde dann aber doch ein viertel und ich habe mich mit aller Kraft davon abgehalten noch ein weiteres Stück zu essen. Während ich den Kuchen dann in den Kühlschrank stellte, fiel mir die vegane Weißwurst ins Auge und ohne darüber nachzudenken ist auch die in meinen Mund gelandet (Ob Glutenopioide daran schuld sind – keine Ahnung) Jedenfalls fand ich das krass, denn es hatte nichts mit Hunger zu tun. Quasi auch direkt nach dem Kuchen kam ich auf die Idee mir eine Gemüsepfanne mit Kichererbsen zu machen, aber da kam meine Vernunft zurück, die mir sagte: Silke, wenn du nicht genug Hunger hast. um Brokkoli zu essen, hast du auch keinen Hunger. Ich hatte keinen Hunger auf Brokkoli. Also habe ich gewartet, bis Hunger kam und das hat sage und schreibe 3 Stunden gedauert. Die Brokkolifrage ist wirklich gut dazu geeignet um zu definieren ob man echten Hunger oder nur Appetit hat.

Und natürlich kann man auch von Dopamin und Erdorphinen gesättigt sein.
Erinnert ihr euch an Weihnachten? Ich wundere mich jedes mal wieder, dass mir die Lust auf Schokolade irgendwann tatsächlich vergeht. Durch Erfahrungen wie gestern lebe ich eigentlich in dem Bewußtsein, dass ich immer noch mehr will. Da ist aber der Punkt an dem alle Rezeptoren belegt sind und die Lust nicht mehr gesteigert werden kann. Die Gier der Dopamin- und Opioidrezeptoren ist aber vehementer als alle Sättigungsssignale und da liegt der Fehler in der westlichen Welt und als Folge ereilen uns die Zivilisationerkrankungen...Dass man sich in Anbetracht dessen, wirklich Gedanken über „Orthorexie“ machen muss?! Selbst wenn jemand betroffen ist kostet es nichts, man stirbt nicht dran, schon gar nicht 40% der Menschen wie an Herz-Kreislauf-Erkankungen, es betrifft nicht 8 Mio. Deutsche, wie Diabetes, es führt nicht zu hohem Cholesterinspiegel, Fettleber, Krebs etc. - Ich schätze es ist einfach ein Ablenkungsmanöver, ein Nebenkriegsschauplatze, eine Ausrede für Zivilisationsnahrungsmissbrauch. Als Krankheitsbild taugt es jedenfalls nicht und das hat sogar der Erfinder mittlerweile erkannt.

Alles Liebe,

Silke

1 Kommentar:

  1. Liebe Silke,

    ich finde es sehr mutig, dass du dich den Unterstellungen so sachlich stellst und Stellung nimmst. Ich glaube, dass manche Menschen neidisch darauf sind, dass du mit dir so im Reinen bist, dich gesund ernährst und so mutig bist, dein eigenes Verhalten öffentlich zu analysieren. Zu diesem "Punkt" muss man erst mal finden.

    Alles Gute

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