Donnerstag, 17. Dezember 2015

Wie, zum Geier, soll ich Patienten ändern, wenn das Werbefernsehen mir Knüppel zwischen die Beine wirft???



Ich bin gerade unfassbar frustriert über ein Problem, was ich eigentlich schon seit Jahren habe. Nur ist jetzt die Uni schuld...

Folgendes:

Die Uni Köln mit ihrem Modellstudiengang für Medizin unterrichtet im 6. Semester das Kompetenzfeld Lebensstil. Es handelt davon, wie man mit seiner Verhaltensweise die wichtigsten Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen mit ihren Vorboten Hypertriglycerdidämie, Bluthochdruck und Hypercholesterinämie aufhalten kann und dass Lebensstilveränderungen wesentlich effektiver sind als jegliche Medikation.

Und so sehr ich es schätze, dass die Uni das lehrt, so sehr bin ich frustriert darüber, dass den Pharmakologen, die damit beauftragt wurden den Studenten dieses Thema nahe zu bringen, nicht klar ist, dass es nicht wirklich möglich ist das Patienten nahe zu bringen. Ich sag mal ca. 95% der Patienten in der Endokrinologie nahmen derartige Aufforderungen ihrer Ärzte absolut nicht an. Egal ob sie nicht konnten oder nicht wollte. Der ein oder andere hingegen war dabei, bei dem es Klick gemacht hat, der seine Ernährung umgestellt hat und anfing Sport zu machen, aber das ist wirklich nur ein Bruchteil der Patienten.

Fast jeder hat ja auch so einen Verwandten, der Diabetiker ist oder unter Bluthochdruck leidet, aber auf Teufel komm raus sein Leben oder seine Ernährung nicht umstellen will.

Ich habe angefangen Medizin zu studieren in der Hoffnung, dass wenn ich Dr. med. bin, die Leute auf mich hören. - Das, meine Lieben, ist Pustekuchen!!!

Genau so oft kriege ich aber E-Mails von Lesern, die mir erzählen: "Ich bin so froh, dass ich dein Blog gefunden habe. Jetzt endlich habe ich mein Cholesterin in den Griff gekriegt. Mein Arzt hat mir nichts davon gesagt, das ich mit Ernährung was daran ändern könnte" oder "Mein Arzt hat mir zu Paleo geraten" - Übrigens jeder Arzt der zu Paleo oder LowCarb in diesem Zusammenhang rät, hält sich nicht an die Lehrmeinung. Die Lehrmeinung kam hier in der Uni auch zur sprache und die sieht so aus: Wenig Fett, viel Obst und Gemüse, salzarm, Eiweiß eher auf pflanzlichen Quellen. Was nicht gesagt wurde ist, je nachdem wie streng man da vorgeht, desto größer sind die Ergebnisse die man erzielen kann. Ist aber eh egal, weil die Patienten eh nicht auf einen hören. - Meine Empfehlungen sind dementsprechend auch sehr streng. Von nichts kommt nichts.

Das führt aber auch bei Ärzten zu Frust. So erzählte mir meine Hausärztin, dass sie sich fast schon nicht mehr trauen würde, einem Diabetiker zu erzählen, dass er seine Ernährung und seinen Zucker- und Fettkonsum ändern müsse. Das sei regelrecht eine Form des Selbstschutzes, sagte sie. Wenn man mit einem Anliegen immer und immer wieder zurückgewiesen wird, bringt man es irgendwann auch nicht mehr an.

Schlussendlich sah ich mich dann aber gestern auch gezwungen, nachdem ich erwähnt habe wie großartig ich es finde, dass das überhaupt gelehrt wird, zu fragen wie ich denn als Arzt in 10 Minuten Gesprächszeit es schaffen soll gegen all die Schokoladenautomaten in der Klinik anzukommen, gegen die Sahnetorte in der Uniklink-Cafeteria, gegen das hundsmieserable und die Krankheit fördernde Krankenhausessen und gegen Krankenschwestern, die dem Diabetiker auf Wunsch eine Flasche Fanta aus der Cafeteria holen, und nicht mal Fanta Zero, denn die schmeckt dem Patient nicht.

Ich sehe mich als Arzt mit diesem Anliegen gegen Windmühlen kämpfen und die größte davon ist das Werbefernsehen. Denn wenn die sagen, dass in Milchschnitte viele wertvolle Zutaten enthalten sind, dann glaubt der Patient lieber das. Und vor allem glaubt er, dass die Dinge, die im Werbefernsehen angepriesen werden, Nahrungsmittel sind. Das sind sie nicht. Da sind viel zu wenig Nährstoffe drin, mit Ausnahme von Kalorien, als dass sie als Nahrungmittel gelten könnten. Das sind ausschließlich Genussmittel! Wofür gewirbt wird ist nicht, was man essen sollte. Das ist was man MAL genießen kann.

Aber Werbung wirkt. Wurde gestern wieder in "Wissenschaftliches Publizieren in der Medizin" von dem lehrenden Psychiater angesprochen. Die Industrie macht Studien darüber dass es funktioniert und die Pharmaindustrie macht sogar Studien darüber, wie Werbung, die auf Ärzte wirken soll, gestaltete werden muss. Wie soll dann Otto Normalverbraucher nicht von Werbefernsehen manipuliert werden.

Ich als Arzt allein, kann hier jedenfalls nichts ausrichten. Ich brauche Unterstützung von der Regierung, wie ich beim Rauchen auch Unterstützung bekomme. Ich brauche für Zucker, Weissmehl, Fett und allen Mischungen daraus Gesetzt, die sie in öffentlichen Einrichtungen, z.B. in Krankenhäusern oder Kindergärten und Schulen verbietet, ich brauche Werbeverbot dafür und ich brauche Plakatkampagnen wie die gegen übermäßigen Alkoholkonsum, wie "Gib AIDS keine Chance" und wie "Stäbchen rein, Spender sein". Ohne hat jeder Versuch Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen zu verhindern keine Chance. Otto Normalverbraucher ist, was Ernährung betrifft, völlig gehirngewaschen durch die Werbung.

Und ich persönlich habe jetzt schon keine Lust mehr zu praktizieren. Das ist für mich völlig frustrierend und für die Patienten verlorene Liebesmüh. Ich glaube ich werde wirklich ausschließlich YouTube Arzt. Alles andere ist total ineffektiv!

Menü des Tages am 16. Dezember 2015 

Brokkoli und Tomaten


Haferflocken mit Banane, Apfelmus, Acai, Paranuss, Leinsamen, Mandeln, Zimt, Mandarine, Sunwarrior


Brokkoli, rote Linsen, Quinoa und Salz


Chocolate Chip Muffin



Salat mit Apfelvinaigrette, rote Linsen und Quinoa


2 Mandarinen
2 Bananen

Ich mache gerade eine Doku bei YouTube darüber wie günstig ich 7 Tage lange vegan und gesund leben kann. Tag 1 habt ihr in meinem letzten Eintrag schon gesehen, wo der vegane Weihnachtsmarkt gefeatured war. Jetzt gibt es Tag 2-4, welches leider doch länger geworden ist als ich dachte. Tag 2 und 3 dauert 6 Minuten und Tag 4 dann auch 6 Minuten. Wer konnte das ahnen!


Ich übe mich gerade in Filmbearbeitung und all so'n Zeug, weil ich davon quasi gar keine Ahnung. Ich weiß, wie es aussehen soll, egal ob YouTube oder Fernsehen, aber ich beherrsche die Werkzeuge nicht. Das ist fast wie ein Instrument lernen! Manchmal mühselig und man macht viele Fehler. Und je älter man wird, desto schwerer wird es auch...

Aber YouTube ist vielleicht das einzige Medium, was mir helfen kann die Patienten wirklich auf die rechte Bahn zu bringen. YouTube kommt zu einem nach Hause, bei YouTube kann man interagieren, bei YouTube werden die Dinge so benannt, wie der Laie sie auch versteht und nicht Fachchinesisch gesprochen und bei YouTube kann ein Arzt seinem Patienten vorleben wie man gesund lebt!

Fatal bei YouTube ist nur, dass da auch jeder Dilettant und Vollspacko seinen Senf dazu gibt... aber ein Arzt der Paleo empfiehlt ist ja auch nichts besser...

Alles Liebe,

Silke


Kommentare:

  1. Dieser Beitrag hört sich frustriert an.
    Aber ich versteh auch nicht, warum du gegen Paleo schimpfst.
    Das ist deutlichst besser, als die von dir genannte Milchschnitte.

    Ob vegan "die" Ernährung ist, muss sich erst noch zeigen...

    Schönen Abend!

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  2. Schrieb ich nicht, dass ich frustriert bin?

    Paleo ist ein suboptimale Ernährung und eine die nicht auf wissenschaftlichen Tatsachen beruht. sowas nervt.

    Sie ist nicht ganz so schlecht wie die Milchschnitten, das stimmt.

    Ich spreche mich nicht für "vegane" Ernährung aus sondern für fettarme, vollwertige, pflanzliche Ernährung und da ist sehr wohl erwiesen, dass es "die" Ernährung ist, denn sie heilt all unsere Zivilisationskrankheiten.

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  3. Das Werbefernsehen preist Suchtmittel als Nahrungsmittel an. Der Süchtige ist der "treueste" Kunde. Wenn der Patient keine Einsicht zeigt und von seiner Sucht nicht lassen will, ist der beste Arzt machtlos. Ist wie bei Alkohol und Co. Liebe Grüsse und Schöne Weihnachtstage.....und natürlich bringt vegan gesundheitlich nur was, wenn es vollwertig ist. Wie man das nun nennt, ist eine Frage der "Zielgruppe".

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  4. "Youtube-Arzt" ist bestimmt nicht das Schlechteste :-) Irgendwie auch ne ganz lustige Berufsbezeichnung find ich. Auf jeden Fall erspart es dann schon mal das Sitzen im Wartezimmer mit vielen kranken Menschen, die dann vermeintlich glücklich sind, wenn sie mit einem Rezept aus dem Sprechzimmer kommen. Mich macht das nicht glücklich. Ich bin gerade mal wieder völlig desillusioniert von meiner Hausärztin. Ich habe seit einigen Tagen sehr starke Rückenschmerzen - sie erinnern mich an die Schmerzen, die ich zuletzt vor sechs Jahren hatte bei einem Bandscheibenvorfall. Damals sagte die Neurochirurgin : sie haben nun mal einen schwierigen Rücken, sonst hätten sie in ihrem Alter keinen Bandscheibenvorfall bekommen. Wirklich machen kann man da nichts gegen. Dann hab ich vor drei Jahren meine Ernährung verändert und hatte kaum mehr Schmerzen. Jetzt sind se wieder da und ich werd grad irre - voller Film im Kopf mit den ganzen Erinnerungen und ne Hausärztin, die meint, Physiotherapie bringt da gar nichts, Ibuprofen ist das Mittel der Wahl und dazu gibts noch Cortisonspritzen. Wenn das nicht hilft, könnte ich zur Schmerzinfusion ins Krankenhaus. Schmerztabletten helfen nicht, Spritze auch nicht. Schmerz zermürbt. Ernährung ist halt doch nicht alles. Sorry- bin auch grad frustriert

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    1. Liebe Mel,

      Physiotherapie bringt sehr wohl was! - Zumindest hat man mich das gerade in "Naturheilverfahren" gelehrt. Das solltest du auf jeden Fall probieren, auch Rückentraining und wahrscheinlich auch noch die psychosomatischen Aspekte diesbezüglich überdenken. In Anatomie hat ein Dozent mal gelehrt, dass man für einen Bandscheibenvorfall eigentlich gar keine OP bräuchte: Fresszellen sind in der Lage den "Vorfall" abzutragen und Rückentraining erledigt den Rest. Ibu und Cortison sind definitiv nicht deine letzt Hoffnunf!

      LG Silke

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  5. Hallo Silke,

    ich kann Dich voll verstehen - machs doch einfach wie Dr. Greger - nur auf Deutsch :-)

    Konzentriere Dich auf die Menschen, die sich ändern wollen, nur nicht wissen wie genau bzw. was genau Sie dafür machen müssen/sollen.

    Bez. Patienten hatte ich es glaube ich schon mal geschrieben: Beim Flug eine Frau kennengelernt, die auch über Ihren Mann (Arzt) berichtet hatte. Patienten wollten Pillen - keine Lektion was Sie selber machen können um das Problem zu beseitigen (Änderung des eigenen Verhaltens). Das ging so weit, das Patienten eben zu anderen Ärzten gegangen sind die Ihnen einfach die Pillen gegeben haben - und er als Arzt wieder in die Forschung....

    Ich sehe es auch in meinem Umfeld... nichts hat sich geändert seit dem WHO Statement zu verarbeiteten Fleisch... gar nichts. Ich sehe das Unheil um mich... und selbst wenn die Menschen um mich wissen und aussprechen das das was Sie essen mist ist -> "Es schmeckt mir aber gut", etc. pp.

    Ggf. ist ja auch Dr. Jacobs eine Richtung Deiner Weiterentwicklung.. also mit pofessionell gemachten Büchern.. wie auch das neue von Dr. Greger... und nebenbei eben noch die Beratung von Menschen die dann gezielt zu Dir kommen weil Sie eben Tacheles und keinen 'Bullshit' hören wollen?

    Wäre das nicht eine positive Perspektive für Dich?

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