Dienstag, 8. September 2015

Wie Kauen Diabetesmedikamente ersetzen kann



Die Endokrinologie bleibt spannend.

Ich bekam wieder eine neue Ärztin, bei der ich hospitieren durfte, eine, die auch am Max-Planck Institut mit dem Prof. beschäftigt ist, der über Esssucht forscht und die ich ansprechen sollte bezüglich Herstellung von Kontakt. Ich bin da jetzt so weit, dass ich zumindest weiß, dass dort Doktorarbeiten verteilt werden. Experimentelle und teilweise auch sehr große, was Mediziner ungerne machen, weil man sich seine Dr. med. auch leichter verschaffen kann. Ich persönlich bin jedoch nicht in der Lage mich mit Dingen zu beschäftigen, die mich nicht interessieren oder mich langweilen und werde davon unglücklich und unzufrieden. Daher gebe ich mich dafür nicht her. Mit Anfang 20 wäre das womöglich anderes gewesen. Jetzt brauche ich eine Doktorarbeit die Spaß macht!

Jedenfalls fragte mich diese Ärztin gestern ob ich das Medikament Liraglutid kennen würde. Es sei ein Diabetesmedikament, welches beim Abnehmen helfe. Das fand ich hochinteressant und habe es natürlich sofort gegoogelt. Ligaglutid scheint ein ziemlich cooles Medikament zu sein, weil es die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse ankurbelt, da Typ 2 Diabetiker, die schon länger unter der Krankheit leiden, aufgrund ihrer Insulinresistenz auch das Problem, dass die Bauchspeicheldrüse in ihrer Insulinproduktion nachlässt. Liraglutid setzt da an und gleichzeitig sorgt es dafür, dass man weniger Hunger hat.

Seit März 2015 ist Liraglutid auch als Abnehmmedikament in Deutschland zugelassen und das ist mal richtig faszinierend. Wie kann es das?

Nun, ihr erinnert euch, was ich im letzten Blogeintrag über das Kauen geschrieben habe? Man hat 3 Substanzen im Körper untersucht und wie sie sich bei 25- und 40maligem Kauen verhalten. Ghrelin, das Hungerhormon, dessen Konzentration sinkt, wovon man weniger Hunger hat, aber auch Glucagon-like-peptide und Cholezystokinin, deren Konzentration steigt.

Liraglutid ist eine Substanz, die genau so wirkt wie das Glucagon-like-peptide. Sie ist ein Analogon dazu und besetzt die selben Rezeptoren und wirkt auch genau so. Im gesunden, normalen Stoffwechselt sorgt Glucagon-like-peptide für Sättigung, Insulinausschüttung und langsamere Magenentlehrung. Ein Diabetiker kann sich also quasi die Einnahme dieses Medikaments auch sparen, wenn er nur anfängt mehr zu kauen und vielleicht Nahrung zu sich nimmt, die man auch kauen MUSS! Liraglutid hat nämlich Nebenwirkungen. Ist klar: Übelkeit, Durchfall und Kopfschmerzen. Kauen, hat keine Nebenwirkungen!

Aber man ist ja gerne faul.

So hat man hier EIN Medikament, was die Sättigung beeinflusst. Man kann auch noch Antidepressiva nehmen, die in das Belohnungssystem eingreifen und man kann bestimmt auch noch Analoga von anderen Substanzen generieren. Aber man kriegt sie unter Garantie nicht in einem einzigen Medikament unter! - Und das ist das Problem. Das ist so ähnlich wie bei künstlicher Nahrung: Auch da kriegt man nicht alles rein, was in vollwertiger, natürlicher Nahrung enthalten ist. Daher ist es schon gut, wenn man seine Nahrung natürlich lässt und sein Essverhalten dem anpasst.

Ich finde es richtig krass, dass man Medikamente gegen sein Verhalten und sein Essen einnehmen muss. Fast alle Patienten, die sich in der Endokrinologie vorstellen machen das. Cholesterinsenker, Blutdrucksenker, Antidiabetika. Du willst keinen Sport machen, deine Ernährung nicht umstellen und nicht kauen? Kein Thema, wir haben ein Medikament dafür. Hat zwar Nebenwirkungen, aber du brauchst deinen Arsch nicht hoch kriegen! Typ-2-Diabetiker sind echt krass. Die Ärztinnen verzweifeln zum Teil auch und wissen nicht mehr weiter, wie sie an die Leute ran kommen. Und genau da ist der Punkt. Da fehlt irgendwie irgendwas und ich glaube nicht, dass es eine Psychotherapie ist, sondern dass man es den Leuten auch ziemlich flott erklären kann, was in ihnen los ist und dass z.B. eine Selbsthilfegruppe und wöchentliche Treffen ausreichen.

Endokrinologie sei auch der falsche Facharzt für mich, sagte mir die Ärztin, wenn ich mit Süchtigen arbeiten wolle. Da wäre Psychosomatik oder Psychiatrie besser. Ich weiß aber nicht genau, ich habe nämlich schwer das Gefühl, dass das Problem eigentlich biochemisch ist und nicht psychisch. Was soll ich Gesprächstherapie machen um krampfhaft zu versuchen beim Patienten bessere Neurotransmitter aus zu schütten, welche kaum ausschüttbar sind in Anbetracht der Nahrung die derjeniger verzehrt. Ich will einen Facharzt machen, den es nicht gibt. Das ist das Problem...Ich will eine Therapie anbieten, die es noch nicht gibt! Kommt Zeit kommt Rat...

Menü des Tages am 7. September 

Brokkoli
Haferflocken mit Banane, Sunwarrior, Zimt, Chia, Paranuss, Tellerpfirsich


Hirse-Pfanne Alnatura, gelbe Erbsen, Kürbis und  Wok-Mix, Salz, Aceto di Balsamico
Erdnussbutter-Kürbis-Blondie


 Hirse-Pfanne, gelbe Erbsen, Kürbis, Salat mit Salz, Meeressalat und Aceto die Balsamico



Ich bin also weiterhin ziemlich fasziniert vom Kauen, weil ich dadurch fast immer meinen Teller nicht leer kriege. Das war schon am Sonntag so, gestern schon wieder und ich habe nicht mehr die Lust auf diese großen Mengen. Vielmehr stelle ich irgendwann fest, dass ich keine Lust mehr habe noch weiter zu essen. Ich hab das gestern auch in dem Raus-aus-der-Lustfalle-Update Video angesprochen, wo ich das alles wahrscheinlich noch schaubarer machen kann als hier jetzt.



Ich denke, wenn sich 2 Leute über ihr Essverhalten unterhalten und der eine sagt: "Ich kann alles essen was ich will" und der andere "Ich muss voll darauf achten, was ich esse, sonst nehme ich zu"  ist vielleicht viel entscheidender als die Gene oder der Sport, das rein mechanische Essverhalten nämlich z.B. das Kauen.

Am Wochenende hat mir ein Medizinstudent beim ASB, der jetzt gerade mit seinem PJ fertig wird, noch in die Mündliche muss und seinen Facharzt in Innere machen will von Stuhltransplantationen erzählt, was gerade DAS Thema bei den Gastroenterologen ist. Man kann Darmflora transplantieren indem man Stuhl eines Menschen mit tiptop Darmflora für einen Menschen mit einer schlechten Darmflora in einer Kapsel zum Schlucken gibt. Das erfordert wahrscheinlich ein bisschen Überwindung, ist aber hochinteressant. In Experimenten mit Mäusen hat sich jedenfalls gezeigt, dass man Stuhl von dünnen Mäusen in dicke Mäuse transplantieren kann und die dann abnehmen. Allein die Darmflora kann schuld sein, dass man zu dick ist, aber die Darmflora hängt eben mitunter auch nur davon ab, was man so isst. Und auch da sind wir wieder beim Medikamente nehmen gegen das eigene Verhalten....

Alles Liebe,

Silke

Kommentare:

  1. Hi Silke,

    immer wieder spannend Deine Berichte - und angesichts des körperlich/geistigen Abbaus meiner Eltern frage ich mich auch, wie ich die motivieren kann zumindest einige Sachen auszuprobieren. Das gute Beispiel ihres Sohnes reicht nicht - der ist Ihnen zu "extrem". Alleine, wenn meine Eltern so essen würden wie in Ihrer Kindheit (nur Sonntagsbraten, weniger Milchprodukte, weniger Zucker, etc.) wäre schon vieles besser.... naja.

    Zumindest letztens konnte ich einen Menschen wenigstens zum nachdenken bringen. Der isst auch zu viel Tierprodukte (sowie andere Sachen) und ist Thailand Fan. Gefragt wie viele 'Fette/Dicke' Thais er kennt: Öhmm.... gefragt was er in Thailand ist: Obst, Gemüse, Reis, bissl. Fleisch - kein Brot, kein Kuchen, keine Kekse, kein Käse, keine Butter, keine Würst, keine anderen Milchprodukte, keine Pommes, keine Chips, etc pp. - und warum er es dann nicht einfach hier fortsetzt? Öhhhmmmm....

    Ich denke ein Punkt, den ich immer wieder in meinem ganzen Umfeld höre ist: Der Aufwand, die Zeit - letztendlich die "UN"lust sich selber die Zeit zu nehmen gutes/frisches einzukaufen und dieses täglich frisch am Morgen, (für den) Mittag und am Abend zu kochen/zubereiten.

    Denn ohne Spaß am Kosten / zubereiten helfen meiner Ansicht nach nicht die besten Absichten. Ich hatte noch einen Hauswirtschafts-/Kochkurs in der Schule und habe da viele Basics gelernt. So denke ich das hier ein zentraler Angelpunkt ist: Integration von Ernährung und Kochen/Zubereitung in den Schulen - sowie Nachholung dieser Sachen bei den Suchtpatienten.

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  2. Hi Silke,

    Bezueglich Darmflora und wie man diese mit seinem Essverhalten beeinflussen kann, habe ich gestern erst einen interessanten Artikel gelesen: http://www.huffingtonpost.com/dr-raphael-kellman/the-microbiome-diet-evolv_2_b_6436122.html

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