Sonntag, 6. März 2016

Die ersten 2 Tage im True North


So, ich bin jetzt seit 2 Tagen im True North und bin mir noch nicht sicher ob ich all dem gewachsen bin. Mit mir angefangen hat eine bereits ausgebildete Ärztin aus den USA, die bereits 4 Jahre Medizinstudium und fast 2 Jahre "Residency" hinter sich hat und nächsten Monat ihre "Boards" hat. Dann ist sie ein komplett ausgebildeter Facharzt, wohingegen wir 5,5 Jahre Medizinstudium, 1 praktisches Jahr und 6 Jahre Facharztausbildung bei uns in Deutschland haben um den selben Ausbildungsgrad zu erreichen. Die andere Famulantin ist damit weiter in ihrer Ausbildung, hat mehr Erfahrung und spricht selbstredend besser Englisch. Ich hab das Gefühl als ginge sie einfach alle Aufgaben in Eigeninitiative an, während ich darauf warte, dass mir jemand sagt, was ich zu tun habe.



2 Tage haben wir beide komplett 2 Schichten am Tag gearbeitet, was sich mehr anhört als es ist. Man fängt um 6:30 Uhr an zu arbeiten, hat meist ne ziemlich lange Mittagspause und ist um etwa 18:30 Uhr mit allem durch. Man hat dann den Abend frei, es sei denn man hat Bereitschaft und das Telefon bei sich.

Die Aufgaben sind bewältigbar. Morgens macht jeweils ein Famulant mit einem der Ärzte Visite, wobei der Famulant ausschließlich Blutdruck, Puls und Temperatur misst. Sonst nichts. Man ist ca. um 9 Uhr fertig mit der Visite und kann dann zum Frühstück gehen wo es Gemüse, Haferflocken, Obst und Salat gibt. Perfekt.

Danach geht man die Aufzeichnungen von der Visite durch, ruft E-Mails ab und checkt ggf. neu ankommende Patienten ein. Man hat zu dieser Zeit auch die Möglichkeit bei Ärzten zu hospitieren oder sich Vorträge anzuhören, die täglich im True North stattfinden. Vorgestern gab es einen Kochvortrag des Chefkochs Ramses Bravo und gestern einen von Dr. Lisle über Wut und Schuld und Oxytozin.



Um 12 Uhr beginnt das Mittagessen und danach hat man quasi auch wieder Pause bis 14:30 Uhr bis die Spätschicht beginnt, die auch wiederum aus eine Visite besteht, welche aber vom Famulanten alleine durchgeführt wird und auch nur darin besteht zu fragen, ob der Fastende Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schwindel empfunden hat. Außerdem wird geschaut ob der Puls regelmäßig ist. Danach schaut man wieder über seine Aufzeichnungen, gibt ggf. Anliegen der Patienten an die Ärzte weiter, bereitet den nächsten Tag vor usw. Ab 17 Uhr gibt es Abendessen und um 18:30 Uhr ist man dann raus. Das ist alles machbar, zumindest so lange keine Katastrophen passieren, denke ich.

Alle sind sehr nett und hilfsbereit, die komplette Belegschaft isst zusammen mit den Patienten und es gibt ein 24 Stunden verfügbares Salatbuffet. Man kann Fasten entweder mit Saft oder Wasser oder Brühe oder das alles im Wechsel, man kann komplett roh seinen Kostaufbau machen oder gekocht, Dr. Klaper ist wohl ein großer Fan von gedämpften Zucchini. - Er befindet sich derzeit allerdings auf einer Kreuzfahrt und kommt erst am 14. Wieder ;-)

Mittag und Abendessen ist hier genau so wie bei mir, nur ohne Salz, was nicht so furchtbar war, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich kann salzfrei essen, auch, wenn ich lieber Salz hinzu geben würde, außer wenn es um Suppen und Eintöpfe geht. Die rühre ich hier nicht an, denn ich weiß Suppen und Eintopf ohne Salz geht gar nicht. Da ist so viel geschmackloses Wasser drin, dass man einfach Salz rein geben muss um Geschmack zu haben! - Mir gefällt aber, dass ich mir hier absolut keine Gedanken darüber machen muss wo ich die Nährstoffe her bekomme, die ich haben will und brauche.

Alles ist frei von Zucker, Salz und Öl. Es gibt allerdings Mandeln und Sonnenblumenkerne sowie Leinsamen beim Buffet. Und es gibt auch Trockenfrüchte. Man kann an der Rezeption einen SOS-freien Strawberry Cheesecake von Katie Mae kaufen der natürlich Cashews und Datteln enthält. Fettarm ist hier nicht das oberste Gebot sondern öl-, zucker- und salzfrei. Alles ist vollwertig ohne eine Ausnahme.

Ich bin dann gestern Dr. Lisle während seines Vortrag begegnet, der grundsätzlich sehr interessant war, mich aber wenig betrifft. Ich habe selten mit Wut und Groll und Schuldgefühlen zu tun. Interessant war dann, dass er das Bindungshormon Oxytozin zur Sprache brachte, weil er die These äußerte, dass Ökonomie gut funktioniert wenn viel Vertrauen da ist und auch Beziehungen funktionieren wenn Vertrauen da ist und das Gefühl Vertrauen von dem Hormon Oxytozin ausgelöst wird. Ich hab an dieser Stelle schon über Oxytozin geschrieben. In allen nicht funktionierenden Beziehungen, in denen es Auge um Auge und Zahn um Zahn ginge, solle man die Dynamik umkehren indem man den anderen lobe und damit bei ihm eine Oxytozin-Ausschüttung bewirke.

In dem Moment kamen viele Fragen auf, und ich habe auch eine gestellt, nämlich, dass Wissenschaftler ja raus gefunden haben, dass das Oxytozinmolekül große Ähnlichkeit mit dem Alkoholmolekül und eine ähnliche Wirkung wie dieses hat. Was Dr. Lisle davon hielte. Ich bin davon ausgegangen, dass er sofort auf die negativen Eigenschaften von Alkohol sowie das Belohnungssystem eingehen würde aber statt dessen sagte er, dass er nicht glaube, dass Alkohol und Oxytozin sich ähnlich sähen. Natürlich kam es dann zu keine wissenschaftlichen Diskussion und wir haben keine Quellen verglichen, aber ich war schon enttäuscht, wie ich es immer bin, wenn Menschen, die ich bewundere keine Antworten auf meine Fragen haben und ich diese Antworten wieder selber im Netz suchen muss.

Im Anschluss an den Vortrag habe ich mir ein Autogramm von Dr. Lisle in meine deutsche Ausgabe der "Lustfalle" geben lassen, welches ich eigentlich verlosen wollte, aber jetzt hat er mit Widmung unterschrieben und ich hätte ein schlechtes Gewissen es zu verlosen. Ich wollte das Buch gerade zurück in mein Appartment bringen, da lief mir Dr. Goldhamer über den Weg und auch ihn habe ich sogleich gebeten zu unterschreiben, was er getan hat. Ebenfalls mit Widmung. Er erzählte noch, dass er gar nicht gewusst habe, dass es in Deutsch erschienen sei und auch, dass es eigentlich Dr. Lisles Buch sei und er kaum was daran gemacht habe. Tatsächlich hatte ich schon immer den Eindruck, dass dem so sei, weil das Buch schon sehr psychologie-lastig ist und Goldhamer ist Chiropraktiker während Lisle Psychologe ist.



Ich hab jetzt 2 Tage lange komplett SOS-frei gegessen und gut gegessen. Ich bin hier nicht der einzige der Riesenportionen verdrückt. Alle haben übervoll geladene Teller. Und ich spüre jetzt schon die Auswirkungen. Ich bin müde, weil ich keinen Kaffee mehr konsumiere, wie ich es an jedem anderen Tag in den USA gemacht habe. Aber mein Befinden wird besser, meine Haut wird besser, ich fühle mich ausgewogener. Ich war gestern mit einem Chiropraktiker auf Visite, der einem Patienten erklärt hat, dass "in Maßen" keine Lösung sei. "In Maßen" ein Gift zu sich zu nehmen, habe keine Vorteile. Sein Auto ein bisschen kaputt zu fahren würde ja auch keinen Sinn machen. - Er hat bei diesem Vergleich aber vergessen, dass der Sinn von "in Maßen" ja der ist Spaß zu haben. Man hat nicht Spaß daran, seinen Körper zu zerstören sondern man hat Spaß daran, wie die schädliche Nahrung auf das Belohnungssystem wirkt. Da steckt durchaus ein Sinn hinter.

Wie dem auch sei, nicht alle Mitarbeiter sind ultra-streng mit sich. So wie Dr. Lisle in einem Interview mal sagte, dass er durchaus Salz an sein Essen tut (auch wenn das IN der Klinik nicht erlaubt ist) so erzählte eine Ärztin, dass sie in der Fastenzeit auf Zucker verzichtet. Die Frau eines Arztes checkte gestern für ein 5tägliges Fasten ein, weil sei Pepsi-Light süchtig sei. - Also, wir kämpfen alle immer und immer wieder. True North macht es einem natürlich leicht nicht kämpfen zu müssen, aber es ist ein geschützter Raum, ähnlich einer Entzugsklinik und sobald man wieder in der richtigen Welt ist, wird man von allen Versuchungen überwältigt.

Alle Patienten und auch wir "Interns" bekamen einen CD-Binder mit 48 CD mit Vorträgen von diversen Ärzten in die Hand gedrückt, die wir und in unserer Freizeit anschauen können. Vorträge von Barnard, Fuhrman, McDougall, Klapper, Lisle, Goldhamer etc. Manche davon sind auf YouTube, andere nicht. Man hat also definitiv immer was zu tun.

Menü des Tages am 5. März 2016 

2 Bananen

Grüne Bohnen und Rosenkohl



Haferflocken mit Banane, Zimt, Leinsamen, Rosinen, Obst

Riesenbohnen, Brokkoli, Salat, schwarzer Reis, Obst



Reis-Kokosnuss-Pudding



Spargel, Kartoffeln,Salat, Linsenauflauf, Obst



Ich habe einen Vortrag von Chef Ramses Bravo besucht, in welchem er erzählte, dass man beim Kochen von Hülsenfrüchten, den sich bildenden Schaum abschöpfen solle, da dieser Blähungen mache. Das hatte ich noch nie gehört und wollte es unbedingt ausprobieren. Ich bekomme aber offensichtlich auch so Blähungen, was, so nehme ich an daran liegt, dass ich derzeit nicht ordentlich kaue. Daran muss ich arbeiten. Aber ich bin meist mit anderen Famulanten beim Essen und man unterhält sich viel. Meine Kollegin hat aber das selber Problem.;-)

Heute habe ich früh frei und nur die Spätschicht, daher kann ich bloggen und joggen und werde mal bei McDougall vorbei joggen, dessen Klinik einen Fußweg von 15 Minuten entfernt ist. Den ursprünglichen Dienstplan haben wir komplett über den Haufen geworfen, weil vergessen wurde eine neu anfangende Person einzubauen, somit gibt es den auf heute folgenden Dienstplan dann erst im laufe des Tages und dann habe ich einen Überblick, wie mein Leben weiterhin abläuft, was immer sehr tröstlich ist.:-)

Alles Liebe,

Silke


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