Montag, 15. Februar 2016

Nicole Jäger: Die Fettlöserin - Eine Anatomie des Abnehmens



Nicole Jäger wiegt 170 kg, ist Heilpraktikerin, Autorin, Ernährungsberaterin und Stand Up-Comedian. - Und sie hat bereits 170 kg abgenommen!

Der Stern hat am Samstag ein Interview mit ihr veröffentlicht, was mich sehr beeindruckt hat, weil sie keinen Mist erzählt, weil sie schonungslos ehrlich mit sich selbst umgeht, weil sie Humor hat und weil sie unglaublich reflektiert ist. Sie hat eine adäquate Umgangsweise mit sich selber gefunden, die sie weder dazu zwingt sich zu verstecken, sich zu verleugnen, ihr Leben nicht in die Hand zu nehmen oder sich zu tabuiisieren.

Sie ist 33 Jahre alt und wurde als Fünfjährige erstmals zum Abnehmen geschickt. Zu der Zeit hatte sie sich selbst aber noch nicht als übergewichtig wahrgenommen, aber ab diesem Moment war alles was sie aß falsch und die Essstörung nahm ihren Anfang. Mit Mitte 20 war sie am Ende, wog 370 kg, konnte sich keine 60 m mehr am Stück bewegen, aß den ganzen Tag nichts und nutzte den ganzen Abend zum essen. Möglichst leicht verfügbares Zeug, was stark auf das Belohnungssystem wirkte, länger stehen und damit Kochen, konnte sie zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Wenn sie Pizza bestellte, tat sie so als würde in ihrer Wohnung eine Party stattfinden damit der Lieferant nicht denkt, dass sie das alles allein isst und dennoch sagt sie rückblickend, dass es bei ihrem Gewicht absolut offensichtlich war. Sie habe dennoch diese Komödie gespielt. Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse hat sie in dem Buch Die Fettlöserin: Eine Anatomie des Abnehmens niedergeschrieben.

Sie beschreibt ihre Entwicklung in die Essstörung, die ihren Anfang nahm als sie 5 war, damit dass alles was sie aß falsch war, dass immer an ihr rumgemeckert wurde, dass sie nie gut genug war, dass sie Erklärungen liefern musste für ihr Verhalten und dann anfing zu essen damit es ihr besser geht oder dass sie aß, wenn es ihr schlecht ging: "Essen stellt keine dummen Fragen. Essen versteht" als auch den Weg hinaus.

Es gibt eine Folge vom King of Queens wo der erwachsene Doug Heffernan eine junge Version seiner selbst trifft, welche ihm dann erklärt: "Essen ist dein Freund" - Alle Worte, die man als Kind mit Freundschaft und geliebt sein assozieren lernt, übertragen Übergewichtige in ihrer Beziehung zu essen dann irgendwie auf das Essen selbst. In Barnards Buch Buch Breaking the Food Seduction: The Hidden Reasons Behind Food Cravings schildert ein Patient seine sozialen Kontakte mit: "I have friends: My Food Friends!" - Jemand der keine Zuneigung, Verständnis, Freundschaft und Zuwendung erfährt, ist in der Lage sich diese in Essen zu suchen und sie dort auch zu finden. Scheinbar. Das Belohnungssystem erfährt das so.

Nicole Jäger antwortet auf die Frage der Journalistin:

"Wie kann man sich so zufressen? Auf über 300 kg?" folgendes:

"Fragen Sie mal jemanden, der sich die Arme aufschneidet, warum er damit nicht aufhört. Das ist genau das gleiche Prinzip. Essen ist nicht nur eine Belohnung – es ist auch eine Bestrafung. Denn Bestrafung ist etwas, mit dem man als dickes Kind aufwächst. Ich meine damit nicht nur meine Eltern, sondern das Umfeld. Ständig heißt es: Du bist übergewichtig, hör auf zu essen.
Man soll das lassen, womit man sich am wohlsten fühlt.
So wird Essen zu einer Waffe, mit der man sich gegen die Bestrafung wehrt. Und gegen sich. Ich habe oft so lange gegessen, bis ich Magenschmerzen hatte. Oder ich habe wochenlang gehungert."

Sie beschreibt ihr Verhalten als totales Junkieverhalten. Gepaart mit Beschaffungskriminalität. Sie habe versucht Essen zu bekommen und es geheim zu halten, was viele Esssüchtige machen. Wenn man es nicht geheim hält, wird man ja darauf angesprochen, is(s)t wieder "falsch" und "nicht gut genug" und wird mit neuerlichen schlechten Gefühlen konfrontiert. Hinzu kommt, dass bei allen Dicken das "Versagen" offensichtlich ist, denn Dicke Menschen haben sich selbst augenscheinlich nicht im Griff und die Gesellschaft mag nun mal keine Versager. So dreht sich das Karrusell des nicht gut genug sein auch als Erwachsener weiter.

Interessant ist auch wie sie ihre Kontakte mit Ärzten schildert:

"Aber wenn ich zum Arzt ging, behandelten die mich oft wie Abschaum. Es ist heute noch so, dass ich in Arztpraxen angeguckt werde, als wäre ich eine verdammte Gottesanbeterin, die sich schon mal die Mandibeln reibt, weil es jetzt gleich Arzt zu essen gibt."

Sie ist der Überzeugung, dass sie als Magersüchtige leichter Hilfe bekommen hätte. Als sei Magersucht eher eine Krankheit als Esssucht. Mit dem Essen, so scheint die Gesellschaft zu glauben, kann man eher aufhören. - Als ob das was anderes wäre als mehr zu essen! - Ich nehme an, dass liegt daran, weil es jeder schon mal geschafft hat ein paar überschüssige Kilos abzunehmen und immer noch glaubt wird, dass es eine Frage der Disziplin ist Gewicht zu verlieren. Das ist es aber nicht. Es ist immer der Kopf!

Als sie 340 kg wog hat man ihr zu einer Magen-Bypass OP geraten. Der selbe Weg, der auch in der Endokrinologie in Köln gegangen wurde, wenn jemand derart übergewichtig war. Nicole hat sich dagegen entschieden, weil sie gelesen hatte, dass 2% aller Patienten es auch schaffen ohne OP abzunehmen und zu denen wollte sie gehörten. Außerdem erwähnt auch sie, dass der Magen nicht das Problem sei. Viele Patienten greifen nach der OP dann zu Alkohol statt zu Essen, statistisch gesehen nehmen aber auch viele später wieder zu.

Sie hat daher ihren Kopf verändert, ihr Denken und ihre Ernährung natürlich auch. Hat mehr Vollkorn gegessen und weniger Zucker, hat sich erlaubt zu essen und erlaubt satt zu sein. Seit 7 Jahren nimmt sie jährlich 15-20 kg im Jahr ab. Sie stellt sich ihrem Körper, indem sie figurbetonte Sachen trägt und sie spricht Leute an, wenn sie bemerkt, dass über sie getuschelt wird, weil sie in der Öffentlichkeit was isst, obwohl sie dick ist. Sie stellt sich der Tatsache, dass sie dick ist ohne sich darauf auszuruhen. Sie will weiter abnehmen und sie erwägt auch eine OP zur Reduktion der überschüssigen Haut, will aber noch 50-60 kg warten.

Sie rät absolut davon ab jemals eine Diät zu machen, wenn jemand in ihre Praxis kommt. Ihr Hauptklientel seien Frauen. Männer, die kommen, seien meistens homosexuell. - Können wir es alle gefälligst möglichst bald sein lassen Männern gefallen zu wollen indem wir dünn sind??? - Es ist doch überhaupt gar nicht so, dass Männer sich nur für Dünnsein interessieren! Weder hetero- noch homosexuelle Männer! - Da spielt auch Persönlichkeit, Charme und Sinn für Humor eine Rolle. Nicole erklärt, dass sie in ihrer superfetten Zeit entweder einen Partner hatte oder kein Interesse an einem Partner, weil sie sich nur für Essen interessiert. Dass Männer nur auf dünne Frauen stehen sei ein absolutes Märchen.

Ich hätte es persönlich nicht für Möglich gehalten, dass man sich mit 170 kg tatsächlich als Ernährungsberaterin und Buchautorin selbstständig machen kann. Ich hätte angenommen, dass man selber möglichst toll, schön und dünn aussehen müsse, um Leute zu inspirieren. (Hallo Freelee!!!) Augenscheinlich ist dem nicht so, denn Dicke fühlen sich sowohl von dünnen Ärzten als auch von dünnen Trainern im Fitnessstudio sowie Ernährungsberatern nicht verstanden und nicht sicher. Und vielleicht sogar zu Recht. Wie soll jemand, der die Sucht nicht kennt jemandem da raus helfen?

Bei jemandem wie Nicole können sie sich sicher fühlen.

Ihr Bühnenprogramm heißt: "Ich darf das, ich bin selber dick" - In welchem sie alles durch den Kakao zieht, was sie in der Gesellschaft und in Bezug auf sich selbst beim Dicksein beobachtet. Sie will ändern, dass man über Dicke spricht und statt dessen mit ihnen. Denn das wirkliche Problem beim Dicksein wird nirgends angesprochen. Immer nur die Projektionen, dass Dicke faul, undiszipliniert und Versager sind.

Das ist in vielerlei Hinsicht ein Problem und vor allem, wenn es um Heilung geht, denn die ist ja das Ziel. Dicksein ist nicht die Krankheit. Falsches Essen ist nicht die Krankheit. Es führt zu Krankheit. Aber schlussendlich ist es nur ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass in der Psyche oder in der Seele was falsch läuft. Auch auch hier wieder die Frage: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Hat man als Kind zuerst falsche Nahrung bekommen oder falsche Gefühle? Oder vielleicht beides gleichzeitig?

Ich persönlich finde, dass am Punkt Essen leichter ansetzen kann um Heilung zu erlangen als am Punkt Psyche, wobei man den nicht vergessen sollte. Wenn man, wie in der Challenge, Nahrung wählt, die weniger auf das Belohnungssystem wirkt, werden die psychischen Faktoren, die schlussendlich auch nur Biochemie sind, nach und nach ans Tageslicht gebracht und zwar in einem Tempo in dem man sie bewältigen kann. Aber man muss sie dann auch angehen und das kann durchaus seine Zeit brauchen. Ich habe bisher auch noch nicht gelernt, wie ich mit Stress- und Lernphasen am besten umgehe ohne zu Substanzen zu greifen, die das Belohnungssystem aktivieren. Und ich weiß auch, dass ich noch nicht alle Prägungen gelöst habe, die mir in meiner Kindheit mitgegeben wurden und die nicht nützlich sind. Und da sind wir wieder beim Thema "Suchtbekämpfung ist eine Lebensaufgabe".

Ich kann emotional total nachvollziehen wie es dicken Menschen psychisch ergeht. Bei mir ist das genau so. Nur nicht so ausgeprägt. Bei der Challenge hat bisher nur eine einzige Person teilgenommen, die klinisch als adipös gilt. Von ihr gab es nachträglich leider kein Feedback. - Meist ist es so, dass sich online versteckt wird, wenn man wieder "versagt" hat. Das ist schade, denn ICH würde gerne über das Dicksein reden und nicht über Dicke. Ich könnte ne Menge lernen...

Menü des Tages am 14. Februar

2 Kaffee mit Sojamilch
Brokkoli mit Tomaten


Haferflocken mit Banane, Chia, Orange, Paranuss, Sunwarrior, Zimt


paar Mandeln


Wirsing untereinander


2 Scheiben Kornsieger mit Erdnussbutter und Banane


Wirsing untereinander


1 Banane mit Erdnussbutter


Ich hab ja die letzten Wochen darüber gejammert, dass ich keinen Temperaturanstieg in meinem Zyklus messen konnte und war völlig verunsichert, was jetzt Sache ist. Stellt sich heraus, dass Clearblue mir am Samstag einen Östrogen und einen LH-Anstieg bescheinigt hat, was darauf hin deutet, dass wieder ein Eisprung ansteht. Sieht so aus als sei beim letzten LH-Anstieg, der regelrecht 12 Tage nach Beginn der Blutung auftrat, kein Ei gesprungen sei, was nach einer Fehlgeburt nicht ungewöhnlich, ja sogar die Regel ist.

Ich finde die Clearblue Ovulationstests um einiges cooler als die billigen. Leider auch um einiges teurer aber voll ihr Geld wert. Die billigen messen nur den LH Anstieg und man muss immer Linien interpretieren bei einem Hormon was pulsatil freigesetzt wird, also in Abständen, was das alles sehr unkonkret macht. Clearblue misst 2 Hormone, Östrogen und LH, was einem ein größeres Zeitfenster ermöglicht und der Test wertet digital aus. Kostet dafür pro Stück 2,50 € statt 0,30 €. Nun war gestern Valentinstag und es lag nahe diesen Eisprung auch zu nutzen.;-) Vorausgesetzt er hat stattgefunden, am 25. Zyklustag, denn jetzt muss ich wieder nach der elenden Temperatur Ausschau halten...

Alles Liebe,

Silke


Kommentare:

  1. Wow, das sind ja interessante Einblicke. Ich glaube, das Problem mit der Stigmatisierung von Übergewichtigen ist nicht nur, weil jeder schon mal ein paar Kilo abgenommen hat. Sie gelten auch als faul, desinteressiert, Belastung für die Gesellschaft... Wer es schafft, sich aus diesem Stigma rauszuholen, verdient dafür umso mehr Respekt.

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Hallo Silke,

    wenn du den Schalter gefunden hast ohne in diesen elenden Lernphasen zu Kaffee zuzugreifen, sag mir bitte Bescheid !
    Ich trink ihn mit Hafermilch, mag ihn super gerne, bin tagsüber fit und wach und trotzdem habe ich schwächere Nerven, esse zu wenig und er tut mir halt nicht gut.

    Denke da mit Grausen ans Examenlernen das bald kommt ...
    Aber ohne geht gar nicht !

    So, morgen ist es rum, dir viel Glück für Donnerstag und den kleinen Valentin ;-)

    LG
    Steffi

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  4. Das Interview hatte ich auch gelesen und fands wirklich spannend.

    Gestern bin ich über eine evtl. interessante Doku-Reihe in der ARD-Mediathek und abends dann gleich im TV gestolpert. Die Reihe heißt die Ernährungs-Docs, läuft im NDR und zeigt an verschiedenen Fällen, was Ernährung erreichen kann. Leider nicht sonderlich wissenschaftlich in dem Sinne, dass so gut wie keine Hintergründe genannt werden, aber die Empfehlungen schienen mir recht gut -wesentlich waren Umstellugen in der Ernährung und kleinere Änderungen im Alltag- und führten auch immer zu signifikanten Verbesserungen. Die Sendung, die gestern abend lief zeigte eine Frau mit metabolischem Syndrom, ein Mädchen mit starkem aktivem Rheuma und einem Mann, der nach einer Krebsbehandlung nicht mehr zunahm (hier war auch die einzige Empfehlung, bei der ich (Laie) mit der Stirn gerunzelt hab - quasi: kombinieren Sie ruhig Fett und Kohlehydraten -Obstkuchen mit richtig Sahne obenauf ...).
    Vielleicht sind ja für dich zumindest die beteiligten Ärzte interessant.

    Viel Erfolg für die Klausur!

    LG
    An

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  5. "Aber es stimmt schon: Die Anzahl der Fettzellen wird im Kindesalter festgelegt. Wenn man weniger davon hat, hat man später auch weniger Probleme." - das hört sich ziemlich nach Volksweisheit an, kennt jemand hier zufällig einen wissenschaftlichen Beweis?

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