Sonntag, 11. Dezember 2016

Warum Ärzte keine Ahnung von Ernährung haben Teil 2



Ich hab ja gedacht, dass ich nach meinem letzten Beitrag nie wieder darüber würde diskutieren müssen, dass oder ob Ärzte zu wenig Ahnung von Ernährung haben.

Ein Ökotrophologie-Studienabbrecher hat dann aber bei Facebook erneut die selbe alte Diskussion mit mir angefangen und erklärt, dass Mediziner zu viele "unwichtige Details" im Studium lernen, während die Aufgabe eines Arztes doch sei Menschen gesund zu erhalten und zu heilen. Ich habe geantwortet, dass jemand die Qualität des Inhalts eines Studienganges wohl schlecht beurteilen könne, wenn er weder den Inhalt dieses Studiengangs kennt noch jemals als Arzt gearbeitet hat. Dies wurde mir als "Ad hominem-Argument" nicht abgenommen.

"Ad hominem" ist das Totschlagargument, was Leute, die keine Ahnung von der Materie haben gerne vorbringen und bedeutet so viel wie "Dein Gegenargument machst du fest an der Person die ich bin" und wird meistens von Semi-Akademikern vorgebracht – also Leute, die so ein bisschen was von Wissenschaftlichekeit verstehen (dass sie diesen Lateinischen Begriff kennen), aber nicht den kompletten Sachverhalt. - Persönlich finde ich aber tatsächlich nicht, dass ein Ad hominem-Argument nicht gilt, denn ICH kann auch nichts über die Schwierigkeiten des Jobs der Bundeskanzlerin oder eines Fußballprofis sagen. Dass wäre doch anmaßend!

Nichts desto trotz habe ich mich darauf eingelassen mal nachzufragen, welche "unwichtigen Details" der Mediziner denn z.B. lernen muss. - Mein Diskussionspartner antwortete daraufhin, dass zum Beispiel der DGE Ernährungskreis für Mediziner wichtiger sein sollte, als die Glykolyse. Das kam in dem Fall von jemandem, der das Ökotrophologiestudium abgebrochen hatte, der in Biochemie durchgefallen war und zu denken scheint, dass Mediziner nur Biochemie lernen.

Ja, es ist leichter irgendwelche Ernährungsfloskeln auswendig zu lernen, die Prozentsätze, die man an welcher Nahrung verzehren sollte, als sich Gedanken zu machen wie etwas im menschlichen Körper biochemisch und physiologisch abläuft. Dafür ist das Studium aber auch Humanmedizin und nicht Ökotrophologie.

Das Medizinstudium bereitet nicht nur auf die Ärzttätigkeiten vor, die der Laie so aus dem Fernsehen und von seinen eigenen Arztbesuchen kenn, vor, sprich auf Hausarzt, Herzchirurg und Dermatologe, sondern ist auch die Grundlage für Berufe wie Humangenetiker, Mikrobiologe, Pharmakologe, Radiologe, Medizinethiker- und Geschichtler, Psychosomatiker und Psychiater und viele andere Berufe, die entweder gar keinen Patientenkontakt haben oder sich mit Krankheiten beschäftigen, die absolut gar nichts mit Ernährung zu tun haben. Abgesehen davon reicht es für den Arzt ja auch nicht aus, Sachverhalte über Ernährung zu kennen, sondern er braucht für die Heilung des Patienten ja auch noch den Patienten, der ein gewissen Maß an Adhärenz an den Tag legt, also das tut was der Arzt sagt, was wahrscheinlich die noch größere Herausforderung ist.

Damit war diese Diskussion dann beendet, aber eine weitere kam auf deren Fuße auf. Jemand kommentierte: "Wie es scheint, befindest Du Dich gerade in der Ausbildungsphase zum Halbgott in weiß. Mit welchem Gehirnwaschmittel haben sie es geschafft, dass es für dich jetzt auch NICHTS zwischen der heiligen deutschen Schulmedizin und der Esotherik gibt? Ist es dir möglich, diese Entwicklung zu beschreiben?"

Das fand ich amüsant, denn ein Rohköstler sagte mir vor dem Studium bereits, dass die mich einer Gehirnwäsche unterziehen würden. (Gehirnwäsche machen die tatsächlich nicht. Sie haben mich mit der Plausibilität der gelehrten Sachverhalte überzeugt.) Ich habe hingegen geantwortet, dass ich die Frage nicht verstünde....Es gäbe nichts zwischen heiliger deutscher Schulmedizin und Esoterik?

Ich sehe das so: Entweder kann man wissenschaftlich belegen, dass etwas funktioniert und im Idealfall auch noch warum es funktioniert, oder man kann es nicht. Die Schulmedizin hat alles integriert, was funktioniert und bewiesen ist, auch so "esoterische" Sachen wie klassische Naturheilkunde, Reha, Psychosomatik und den Placeboeffekt. Dafür gibt es evidenzbasierte Belege. Für Homöopathie hingegen nicht und deshalb wird sie im Medizinistudium nicht gelehrt. So einfach ist das.

Auf meine Anmerkung, dass ich die Frage nicht verstünde kam dann: "Ich diesem Beitrag und im Cholesterinvideo betonst du, dass der richtige Arzt immer die beste Wahl ist. Damit Unterstützt Du die Eigenverantwortungslosigkeit der Lebensstilopfer und fixierst sie weiter auf die Schulmedizin.  
Aber selbst wenn solche fixierten Leute den zaghaften Versuch wagen, den Arzt ihres Vertrauens nach der richtigen Ernährung in ihrem Krankheitsfall zu fragen, habe ich noch von keinem Fall gehört, dass er dann zum Ernährungsmediziner überwiesen worden wäre.  
Wer also mit den Nebenwirkungen seiner 10 Medikamente irgendwann genug Leidensdruck aufgebaut hat und eine Lebensstiländerung will, wird logischer Weise zum "Esotheriker" gehen.  
Das muß nicht besser sein, als ein Arztbesuch. Aber in Lebensstilfragen stehen die Chancen nicht schlecht. (Ich habe mit der Integrität von Ärzten bisher keine guten Erfahrungen gemacht. Meine Ärzte wußten immer nur, was für andere gut ist.) 
Das Problem der Eigenverantwortungslosigkeit ist mit "Esotherikern" natürlich auch nicht gelöst - aber ich finde, Deine letzten Beiträgen verschärfen es weiter."

Das Übernehmen von Verantwortung ist tatsächlich ein Riesenproblem, aber Otto Normalverbraucher ist aufgrund der Informationsfülle des Internets mit deren Ernährungsentsprechungen von Fake-News völlig überfordert. Und er hat nicht das Hintergrundwissen zu entscheiden was Meinung ist und was Fakt. Und er hat kein Hintergrundwissen über das was in seinem Körper abläuft. Das ist zweifelsohne in Riesenproblem und daher muss es Experten geben, denen man sich anvertrauen kann. Die fundierteste Ausbildung haben hier Ärzte und nicht Heilpraktiker oder Ernährungsberater (die NICHT Ökotrophologie studiert haben) Und ich plädiere hier dafür sich wirklich einen Arzt zu suchen, dem man vertraut. Wenn kein Vertrauen da ist, wie der Kommentator hier erklärt, bringt die ganze Therapie nichts, egal was für eine Koryphäer der betreffende Arzt ist. - Und ich kann ihm nachfühlen, ich war auch nicht mit all meinen Ärzten zufrieden. Dann muss man halt wechseln. So einfach ist das.

Und mir ist auch bewusst, dass nicht alle Medizinstudenten ihre Uni als so gut empfinden, wie ich meine. Ein Famulant im True North war genau deshalb 3 Monate im True North, weil er mit seiner Uni Probleme bekommen hat, weil diese irgendeinen Sachverhalt bezüglich Ernährung und Lebensstil abstritt, wofür der Famulant aber Studien als Belege anführen konnte. Ich weiß leider nicht, welcher Sachverhalt das war. Dr. Anthony Lim, der sowohl im True North als auch bei McDougall arbeitet und vor seinem Medizinstudium in Boston in Harvard Jura studiert hat war, laut Dr. Goldhamer, völlig empört darüber, dass man ihm in Boston nichts darüber beigebracht hat, was man mit Ernährung alles bewirken kann. Und ich weiß auch von deutschen Medizinstudenten an anderen Fakultäten, deren Dozenten komische Dinge über Ernährung erzählen. Vielleicht ist Köln da besonders, ich kann es nicht sagen...

Und bei mir persönlich kommt dann natürlich noch was anderes besonders hinzu, etwas, was die meisten anderen Studenten, die Anfang 20 sind nicht haben. Ich war 35 als ich mein Abitur gemacht habe. Davor war ich genau wie all die Leute da draußen. Ich hatte meine Ernährungsinformationen aus dem Internet oder aus Populärliteratur. Ich konnte nichts davon hinterfragen, weil ich nichts über Physiologie und Biochemie wusste. Ich musste mich auf Aussagen von Pseudo-Experten verlassen und alles am eigenen Leib ausprobieren um raus zu finden, ob der Experte recht hat. Warum etwas funktionierte oder nicht funktionierte, konnte ich damit immer noch nicht erklären. Und alles selbst zu testen ist um Längen umständlicher als sich auf evidenzbasierte Fakten berufen zu können.

 Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie es ist, wenn man all dem ausgeliefert ist. Am frustrierendsten war es als ich mit den Widersprüchen in den Lehren von Dr. Gabriel Cousens und Dr. Doug Graham nicht klar kam bzw. HighCarb vs LowCarb. Grauenvoll!

Heute kann ich einschätzen, auf welchem Stand ein Patient ist, der diese medizinische Bildung nicht hat, was Menschen, die in Akademikerhaushalten aufgewachsen sind und derartiges Wissen niemals nicht hatten, so meine Einschätzung, nicht können. Ich weiß wo sie sind und ich sehe meine Aufgabe darin sie da abzuholen wo sie sind. Sie müssen sich auch mitnehmen lassen.

Menü des Tages am 10. Dezember 2016 

4 Grüntee
Brokkoli mit Tomaten


Haferflocken mit Banane, Zimt, Kokosmehl, Mango, Carob

Vollkornpenne mit Linsenbolognese, Zucchini und Walnüssen


Vegane Lebkuchen und 5 Datteln im Bioladen

Eintopf

Brötchen mit Mandelpüree und Banane
2 Tassen Glühwein

Das ist nämlich das Nächste: Ein Lehrer ist nicht alleine dafür verantwortlich, ob der Schüler was lernt. Wenn ein Geigenlehrer nicht jeden seiner Schüler zum neuen Paganini macht, ist nicht nur der Lehrer schuld, denn der Schüler bringt selber ein paar relevante Faktoren mit. Er muss Einsatz zeigen, üben, Leidenschaft für die Sache haben und auch Talent mitbringen, Rhythmusgefühl und Interesse. - In meinem Beispiel steht der Lehrer sowohl sinnbildlich für den Studenten als auch für den Patienten, der das nötige Wissen gelehrt bekommt. Die medizinische Fakultät in Köln hat als Lehrer in Ernährungsdingen in meinen Augen nichts falsch gemacht. Ob der Schüler der nächste Paganini wird, steht auf einem anderen Blatt und leider passiert das meistens nicht.

Alles Liebe,

Silke


Kommentare:

  1. Hallo Silke,

    wow - ich bewundere Dein durchhaltevermögen bei solchen Diskussionen.

    Dabei sind doch die Ärzte auch nur ein Spiegel der Gesellschaft - Menschen wie Du und ich mit all den gleichen Mechanismen und einem Belohnungsystem. Schimanski und DesMaisons Bücher haben mich (als Laien) da im Verständnis auch weiter gebracht.

    Bei aller Kritik an den Ärzten sehe ich das Problem eher bei dem Durchschnitts-Patienten - und diesen sehe ich auch in meinem Umfeld reflektiert. Eine Änderungsbereitschaft sehe ich im allgemeinen nicht - insb. wenn es die Ernährung betrifft. Ggf. mal das eine oder andere in Bio kaufen - aber auch ohne echte Überzeugung z.B. in Bezug auf die Zusatzstoffe und Spritzmittelrückstände. Sieht man nicht, merkt man nicht sofort - wird ausgeblendet.... auch wenn es gerade dazu noch mal einen Bericht im Fernsehen gab. Das selbst mit der WHO zu verarbeitetem Fleisch & Co.

    Ich hatte da auch mal ein Gespräch während einer Reise mit einer Frau deren Mann ein Arzt war. Sie meinte zu mir, das das Problem war das die Patienten Pillen haben wollten - aber nicht bereit waren Ihr Verhalten zu ändern. Und das Ihr Mann wirklich finanzielle Probleme bekommen hatte - weil er eben nicht nur Pillen verschreiben wollte, sondern die Patienten (ich kanns nicht besser ausdrücken) eben auch auf Ihr Verhalten hingewiesen hatte bzw. auf nötige Änderungen im Verhalten (meint: Ernährung, Bewegung, etc. pp). Die finanziellen Probleme kamen deswegen auf - weil die Patienten dann eben weg blieben.... und zu Ärzten gegangen sind die verschrieben haben. Wer dazu noch weiss unter welchem auch zeitlich/wirtschaftlichem Drucke die Allgemeinmediziner in Kassenpraxen stehen kann das sicher nachvollziehen. Letztendlich hatte Ihr Mann die Praxis an den Nagel gehängt und ist dann die Forschung gegangen.

    Falls Du noch ein Buch kennst das die psychologische Seite dieser Geschichte erklärt und wie man an diese Menschen ran kommen könnte - und das auch für interessierte Laien zugänglich ist - währe ich sehr an einem Buchtip interessiert :-)

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  2. Von einem Buch weiss ich auch nichts, aber vielleicht hilft diese Broschüre erstmal weiter: https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/gute-argumente-fleisch-zu-essen

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